Teil 4: Angemessen reagieren
Ohne Risiko entgeht man keiner großen Gefahr

Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen die Schlechten. (Platon)

Manchmal lassen Opponenten Meinungsverschiedenheiten auf offener Bühne unangemessen eskalieren. Können wir einen Kampf nicht ausweichen, müssen wir ihn mit unserer vollen Aufmerksamkeit und Kraft führen. Um uns selbst und unsere Reputation zu schützen, dürfen wir uns allerdings nicht zu unangemessenen oder überzogenen Reaktionen hinreißen lassen.

Gemeinsam mit meinem Team war ich für die Neuaufstellung eines börsengehandelten Unternehmens verantwortlich. Wir hatten mehr als ein Jahr hart gearbeitet und waren fast am Ziel. Uns fehlte lediglich noch die Zustimmung der Hauptversammlung zu den vorgeschlagenen Maßnahmen.

Der rechtliche Lage war eindeutig. Bestimmte grundsätzliche Entscheidungen einer Aktiengesellschaft werden nicht durch den Vorstand, sondern durch die Hauptversammlung getroffen. Aber auch Hauptversammlungsbeschlüsse sind nicht automatisch wirksam. Der Gesetzgeber räumt jedem Aktionär das Recht ein, Beschlüsse durch Anfechtungsklagen gerichtlich überprüfen zu lassen. Bis zu einem letztinstanzlichen Urteil vergehen oft Jahre. Eine kleine Minderheit von Aktionären hat sich darauf spezialisiert, auf Hauptversammlungen formale oder inhaltliche Fehler zu finden, um sie für Klagen zu nutzen.

Auf unserer Hauptversammlung waren wir mit einigen solcher „aktivistischen Aktionäre“ konfrontiert. Sie nutzten ihr Rederecht, um uns rhetorisch zu provozieren und auch persönlich anzugreifen. Gleichzeitig versuchten sie uns durch über 500 Fragen zur Geschäftsentwicklung in Widersprüche zu verwickeln. So ein „Nervenkrieg“ lässt sich nur gewinnen, wenn man ruhig bleibt und das zentrale Ziel nicht aus den Augen verliert, jegliche Anfechtungsgründe zu vermeiden. Konkret: Wir beantworteten alle Fragen geduldig und umfassend und ignorierten die Provokationen und Beleidigungen.

Unabhängig von der Angemessenheit der Maßnahmen, lassen sich immer vermeintliche Anfechtungsgründe konstruieren. Da Zeit aber ein kritischer Faktor ist, sind Vergleiche in aller Regel zielführender, auch wenn diese mit erheblichen Kosten verbunden sein können.

Wir waren von der Sinnhaftigkeit unserer Maßnahmen und auch unserer Erfolgsaussichten vor Gericht überzeugt. Trotzdem verglichen wir uns mit den Anfechtungsklägern. Man kann diese „pragmatische“ Lösung persönlich als vertretbar oder als skandalös empfinden. Im Kontext unternehmerischer Gesamtverantwortung kosten solche Erwägungen jedoch nur unnötig Kraft und ändern nichts an der Notwendigkeit, die beschlossenen Maßnahmen im Interesse des Gesamtunternehmens schnellstmöglich umzusetzen.

Dr. Ronald Roos
Kapitalmarkttransaktionen | Finanzierungen | Restrukturierungen 
CEO | CFO | CRO
Management on Demand AG
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